Schulelternbeirat

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Mobbing

Impulsreferat von Ingrid Borgmann, gehalten beim Gesprächskreis der Klassenelternsprecherinnen und -sprecher am 17. Januar 2012

Ich möchte Ihnen mit dieser Ausarbeitung einen kurzen, aber dennoch möglichst umfassenden Überblick über das Thema Mobbing verschaffen. Ich werde darstellen, wer gemobbt wird und warum, wer die Täter sind und weshalb sie dazu werden und was für Folgen Mobbing hat.

Am Ende eines jeden Abschnittes stelle ich die wichtigsten Aspekte noch einmal stichpunktartig zusammen.

Definition

Mobbing kommt vom englischen »mob« = Meute, randalierender Haufen, das Verb »to mob« ist gleichbedeutend mit »pöbeln«.

Doch nicht jeder Krach, jede Streiterei, Schikane oder Ungerechtigkeit ist Mobbing.

Der Begriff des »Mobbings« bezeichnet eine Art Psychoterror, also einen Prozess der systematischen Ausgrenzung und schwerwiegenden Erniedrigung eines anderen Menschen, die von einer oder mehreren Personen fortwährend betrieben werden.

Mobbing ist also eine Form offener und/oder subtiler Gewalt, die regelmäßig über längere Zeit mit dem Ziel der sozialen Ausgrenzung des Opfers stattfindet. Es kann sich dabei um nonverbale, verbale und/oder physische Gewalt handeln.

Mobbing in der Schule steht also für böswillige und bewusste Handlungen, die zum Ziel haben, Schülerin, Schüler, Lehrerin oder Lehrer »fertig« zu machen.

Unter Fachleuten wird davon ausgegangen, dass einer von zehn Schülern in der Schule ernsthaft gemobbt, d. h. schikaniert wird und mehr als eine/r von zehn schikaniert selber.

Mobbing ist also

  • eine Art Psychoterror,
  • ein Prozess der systematischen Ausgrenzung,
  • die Erniedrigung eines anderen Menschen,
  • eine Form offener und/oder subtiler Gewalt,
  • wird von einer oder mehreren Personen fortwährend betrieben,
  • findet regelmäßig über längere Zeit statt,
  • basiert auf ungleichem Machtverhältnis,
  • Ausschluss Einzelner oder Kleingruppen aus der Gemeinschaft,
  • Straftatbestand (deshalb ist eine klare Definition wichtig).

Wer wird gemobbt?

Grundsätzlich gilt: Jeder kann zum Opfer werden, es spielt keine Rolle, ob Mädchen oder Junge, Mann oder Frau. Weder die Herkunft, noch der Bildungsgrad ist bedeutend.

Als besonders gefährdet gelten Menschen, die irgendwie anders sind als das Gros. Sei es ihre Hautfarbe, ihre Sprache, ihr sozialer Status, andere Kleidung, Frisur oder Verhalten. Abweichende Interessen, besonderes Engagement oder Leistungsorientiertheit können genauso »Grund« sein wie z. B. Introvertiertheit.

Im schulischen Bereich kann es also Mobbing geben von Schülern an Schülern, von Lehrern an Schülern, von Schülern an Lehrern und von Lehrern an Lehrern.

Anderssein reicht als Mobbinggrund, egal ob dies sich äußert in

  • Hautfarbe
  • Sprache
  • Nationalität
  • sozialem Status
  • anderer Kleidung
  • anderer Frisur
  • Behinderung
  • abweichendem Verhalten
  • abweichenden Interessen
  • besonderem Engagement
  • Leistungsorientiertheit
  • Introvertiertheit

Wer mobbt bzw. warum wird gemobbt?

Die Fachliteratur weist seitenlange Listen auf, die die verschiedenen Motivationen darstellen. Da gibt es den Angstmobber, den Machtmobber, den Neidmobber, um nur einige zu nennen.

Die Ursachen von Mobbing in der Schule können sehr verschieden sein, denn dem Mobbing liegen meistens Konflikte zu Grunde, die die unterschiedlichsten Auslöser haben können (Unterforderung, Überforderung, überzogenes Leistungsverhalten, Identifikationsverluste, gestörtes Schul- oder Klassenklima).

Für jemanden, der mobbt, ist dies z. B.

  • ein Entlastungsventil für Aggressionen, wenn die Entlastung nicht anders ermöglicht oder die Aggressionen nicht verhindert werden können,
  • das Holen von Anerkennung, wenn sie nicht anders (zu Hause, in der Schule) erreicht werden kann,
  • Missbrauch von Macht,
  • Angst, in der Schule zu versagen,
  • wichtig, wenn er ein falsches Gemeinschaftsgefühl (»Alle gegen einen«, »Gemeinsam sind wir stark«) hat,
  • der Versuch, die eigenen Minderwertigkeitsgefühle an anderen auszulassen,
  • wahrscheinlicher, wenn er selbst Mobbingopfer war.

Gemobbt wird also aus folgenden Gründen:

  • (Wunsch nach) Machtgewinn
  • Entlastungsventil für Aggressionen
  • Machtmissbrauch
  • Neid, Missgunst
  • Arroganz
  • Kompensation eigener Schwächen
  • Frustrationsabbau
  • Weitergabe erlittenen Unrechts
  • Rache
  • (gefühlte) Überlegenheit
  • falsches Gemeinschaftsgefühl
  • Meinungsverschiedenheiten
  • Versuch der Selbstaufwertung
  • Fehlende Möglichkeiten der Konfliktbewältigung

Verlauf des Mobbings

Mobbing in der Schule, aber auch am Arbeitsplatz, passiert immer auf dieselbe Art und Weise. Der Mobbing-Prozess lässt sich in vier Phasen einteilen, die man als zugrunde liegende Struktur für Mobbing angeben kann.

Phase 1: erhöhte Konfliktneigung

Zufällige Konflikte, Ungerechtigkeiten, Meinungsverschiedenheiten, die Suche nach Sündenböcken für eigene Fehler, Aggressionen und noch vieles mehr können zu einer erhöhten Konfliktneigung führen.

Phase 2: Mobbing

Aus dieser anfänglichen Konfliktneigung entwickeln sich handfeste Streitereien und psychische Gewalt in Form von Mobbing. Das Mobbing-Opfer gerät immer mehr in einen Teufelskreis, bei dem die Folgen von Mobbing (Unsicherheit, Nervosität, vermehrte Fehler bei der Arbeit, Krankheit) für die Ursachen, dass eine Person gemobbt wird, gehalten werden. Das Opfer wird für den Angreifer immer leichter zu mobben.

Phase 3: Einmischung

Früher oder später wird Mobbing auch von außenstehenden Personen erkannt, denn das Verhalten des Mobbers und des Gemobbten werden immer auffälliger. In dieser Phase könnten die Wogen noch geglättet werden, wenn von außen gezielt eingegriffen wird.

Phase 4: Ende

Wird die Chance zur Beendigung des Mobbing durch Außenstehende nicht genutzt, ergibt sich ein trauriges Bild. Mit der Zeit hat das Opfer mit schweren psychischen Problemen zu kämpfen und seine Persönlichkeit wird nachdrücklich verändert. In manchen besonders schlimmen Fällen kann es sogar bis zum Selbstmord kommen.

Experten schätzen, dass etwa 20 Prozent der jährlichen Selbstmordfälle durch Mobbing ausgelöst werden.

Generell lässt sich festhalten: Mobbing in der Schule kann für die meisten Jugendlichen sehr schwerwiegende Folgen für den weiteren Lebensweg haben.

Folgen von Mobbing können sein:

  • Körperliche Verletzungen
  • psychische Schädigungen (z. B. Zerstörung des Selbstbewusstseins)
  • psychosomatische Beschwerden (Appetitlosigkeit, Bauchschmerzen, Alpträume, Schlafstörungen, Unkonzentriertheit)
  • Leistungsrückgang
  • Fehltage durch »Krankheitstage« oder Schwänzen
  • Rückzug aus sozialen Bezügen
  • Ängste
  • Depressionen
  • Schulverweigerung
  • Gegengewalt
  • Verschlechterung des Klassenklimas
  • Suizidversuch bzw. vollzogener Suizid

Wie wird gemobbt?

Man unterscheidet drei Arten der Gewalt:

Körperliche Gewalt

Dazu gehören Handlungen wie Verprügeln, Sachbeschädigungen, Erpressung, Nötigung, etc.

Verbale Gewalt

Beleidigen, auslachen, demütigen, um nur einige zu nennen.

Dies kann direkt vor dem Opfer aber auch hinter dessen Rücken passieren, auf dem Schulhof, wie auch im Unterricht selbst.

Dies kann durch Mitschülerinnen oder Mitschüler genauso geschehen wie durch Lehrerinnen oder Lehrer.

Die mildeste Methode dieses Mobbings ist das Lästern hinter dem Rücken, vieles geschieht aber auch direkt und laut. Äußerungen von Lehrern wie: »Aus dir wird nie etwas! Du bist so dumm wie Bohnenstroh!«, gehören zu solchem verbalen Mobbing ebenso, wie das Geraune und entnervte Stöhnen von Mitschülern, wenn jemand etwas nicht versteht und sich mehrfach erklären lässt.

Relationale Gewalt oder stummes Mobbing

Darunter versteht man stillschweigendes Verachten, Informationen vorenthalten,»Links liegen Lassen«, Ausschluss aus der Klassengemeinschaft oder Gruppe. Es kommt dabei nicht zu direkten physischen oder psychischen Attacken. Diese Form ist extrem demütigend und verletzend.

Bei all diesen Aktionen lassen die Angreifer ihre Gründe im Dunklen. Die Opfer reagieren darauf verwirrt, was die »Zuschauer« wiederum belustigt.

Als weitere Form des Mobbing existiert seit einigen Jahren das Cybermobbing. Hier sind die Folgen häufig noch gravierender, da einmal ins Internet gestellte Demütigungen von allen gesehen werden können und sehr schwer wieder zu entfernen sind. Außerdem ist es für das Opfer sehr kompliziert, sich zu wehren, da die Mobber oft anonym agieren. Ich denke, dieser Aspekt bedarf einer intensiveren Diskussion und auch spezieller Maßnahmen. Deshalb jetzt nur ein paar kurze Bemerkungen dazu.

Cybermobbing bezeichnet verschiedene Formen der Diffamierung, Belästigung, Bedrängung und Nötigung anderer Menschen mit Hilfe elektronischer Kommunikationsmittel über das Internet, in Chatrooms, und/oder auch mittels Handy bezeichnet. Dazu gehört z. B. auch der Diebstahl von (virtuellen) Identitäten, um in fremden Namen Beleidigungen auszustoßen.

Eine repräsentative Studie der Universität Münster zusammen mit der Techniker Krankenkasse kam 2011 zu dem Ergebnis, dass mittlerweile mehr als 36 % der Jugendlichen und jungen Erwachsenen als Opfer von Cybermobbing betroffen sind. 21 % der Befragten konnten sich vorstellen, auch als Täter im Internet aufzutreten.

Die Formen des Mobbing sind vielfältig:

  • Körperliche Gewalt (Pause, Bushaltestelle, Schulhof)
  • sexuelle Belästigungen
  • Beschädigung/Entwenden von Eigentum
  • verdecktes Provozieren
  • Ignorieren
  • Ausgrenzen
  • Informationen vorenthalten
  • Auslachen
  • Anschuldigungen
  • das Erfinden von Gerüchten und Geschichten über den Betroffenen
  • »Verpetzen«
  • Androhung von physischer Gewalt
  • Demütigungen
  • Lächerlich machen
  • Beleidigen

Lehrer – Schüler – Situation

Mobbing an der Schule ist leider kein Phänomen, das es nur zwischen Schülern gibt. Jugendliche fühlen sich oft von Lehrerinnen und/oder Lehrern seelisch mehr bedroht als von Mitschülerinnen und Mitschülern.

Auch viele Erwachsene erzählen später im Rückblick weniger über mobbende oder aggressive Klassenkameraden als über solche Lehrerinnen und Lehrer, unter denen sie gelitten haben.

Nicht wenige erinnern sich noch nach Jahren mit Unbehagen, Angst oder Wut, wie sie unter schulischen Demütigungen litten. Manche berichten sogar, wie seelische Verletzungen sie dauerhaft beeinträchtigten, sodass die Schule für manche Kinder zum Schicksal werden kann.

Jugendliche berichten von der Macht jener Lehrer, die sie mit missglückten Arbeiten vor der ganzen Klasse bloßstellen, sie vor den Mitschülerinnen und Mitschülern verächtlich machen, auslachen, ihre Noten öffentlich triumphierend bekannt geben, Kinder mit ironischen Bemerkungen beleidigen, sie in eine peinliche Situation versetzen, sich abfällig über die »Dummheit« einzelner Kinder äußern.

Diesem Aspekt des Mobbing sollten wir als Eltern besonderes Augenmerk widmen. Hier befinden sich die Kinder in einer extrem schwierigen Situation, in einer gewissen Form der Abhängigkeit. Vor allem die Kleineren können sich dagegen nicht selbst wehren, aber auch die Größeren sind oft hilflos, da die Lehrkraft doch über eine gewisse Macht den Schülern gegenüber verfügt.

Mobbing durch Lehrer

  • Bloßstellen eines Schülers
  • abschätzige Gesten, abwertende Blicke
  • Schüler lächerlich machen
  • Beleidigungen (z. B. „Du bist dumm wie Stroh“)
  • Aufrufen immer dann, wenn man weiß, dass der Schüler keine Antwort geben kann
  • Regelmäßiges Übergehen beim Aufzeigen
  • Demütigungen in Worten und bezüglich verlangter Handlungen
  • Verletzung der Privat-/Intimsphäre
  • Schuldzuweisung gegenüber dem Mobbing-Opfer
  • ständige Kritik, kein Lob
  • ungerechtfertigte schlechte Noten
  • übertriebene Strafen ohne Relation zum sonstigen Strafverhalten der Lehrperson
  • Unangemessenes Drohen mit Konsequenzen
  • Verweigern von Hilfe oder Schutz
  • Körperliche Übergriffe wie treten, stoßen, kneifen, schlagen, berühren, klopfen

Schließlich gilt es noch die Frage zu klären:

Wie erkennt man, dass jemand gemobbt wird?

Im günstigsten Fall erzählt die/der Betroffene es selbst. Leider ist das oft aber nicht so.

Viele Kinder trauen sich nicht, zu Hause von ihren Mobbing-Erfahrungen in der Schule zu berichten. Einige möchten die wenige Zeit, die die Familie gemeinsam verbringt, nicht durch solche Schilderungen belasten. Andere haben wenig Vertrauen zu ihren Eltern und glauben nicht, dass sie ihnen helfen werden. Wieder andere möchten die schlechten Erinnerungen aus der Schule einfach vergessen und die häusliche Umgebung davon frei halten.

Trotzdem kann ein aufmerksamer Beobachter gewisse Warnsignale erkennen.

Eltern beispielsweise sollten ihr Kind ernst nehmen, wenn es z. B. nicht mehr in die Schule gehen will oder auf dem Schulweg immer einen Umweg macht. Wenn es morgens oft über Magenschmerzen oder Kopfschmerzen klagt, schlecht schläft oder Alpträume hat, deprimiert und unglücklich wirkt, viel krank ist.

Andere Warnsignale können Prellungen und Verstauchungen sein, die das Kind nicht schlüssig erklären kann oder will; wenn seine Schulsachen beschädigt oder womöglich verloren sind, wenn das Kind nie oder sehr selten Freunde einlädt oder nie oder selten selbst eingeladen wird. Oder wenn es um deutlich mehr Taschengeld bittet oder sogar Geld aus der Haushaltskasse nimmt.

Solchen Situationen muss nicht in jedem Fall auch Mobbing zu Grunde liegen! Aber sie sollten Anlass sein, das Kind genauer zu beobachten und vor allem im Gespräch mit ihm Klarheit zu schaffen.

Bei Mobbing-Verdacht sollten Eltern jedoch nicht vorschnell mit dem Täter Kontakt aufnehmen (dies könnte für das »Opfer« problematisch werden), sondern die Schule informieren und fordern, dass gehandelt wird.

Warnsignale

  • Kind will nicht allein/gar nicht in die Schule gehen
  • rapide nachlassende Leistungen
  • psychosomatische Symptome (Kopfschmerzen, Magenschmerzen, Alpträume, Schlafstörungen, Gereiztheit)
  • zunehmende Isolation
  • verschwindendes Selbstbewusstsein
  • Absinken des Selbstwertgefühls
  • »unerklärliche« Prellungen und Verstauchungen
  • beschädigte oder verlorene Schulsachen
  • Kind wirkt deprimiert und unglücklich
  • bittet um deutlich mehr Taschengeld
  • stiehlt Geld aus dem häuslichen Bereich

Was können wir am MGL konkret tun?

Schulelternbeirat und Schulleitung am Martinus-Gymnasium sind sich einig, dass es vor allem darauf ankommt, vorbeugende Maßnahmen zu treffen. Prävention geht vor Intervention. Das bedeutet vor allem, die Kinder zu stärken, ihnen Selbstbewusstsein und Selbstsicherheit zu vermitteln und ihnen einen fairen Umgang miteinander beizubringen.

Am MGL gibt es hierzu bereits eine ganze Reihe von Aktivitäten, die im Selbst­kom­pe­tenz­er­werbs­pro­gramm zusammengefasst sind. Leider greifen diese Aktivitäten nicht immer, sodass es trotzdem den einen oder anderen Mobbingfall gibt. Natürlich muss in dem Moment, in dem dies bekannt wird, sofort gehandelt werden. Wie im jeweiligen Fall konkret agiert wird, ist jedoch individuell und fallbedingt unterschiedlich. Wichtig ist vor allem ein couragiertes Umgehen damit.

Sicherlich gibt es über die bereits fest im Schulleben verankerten Programme hinaus noch weitere Möglichkeiten, offensiv mit diesem Thema umzugehen.

So halte ich längerfristig die Bildung eines Gewaltpräventionsteams, gebildet aus Schülerinnen und Schülern, Lehrkräften und Eltern, für ausgesprochen sinnvoll. Dieses Team könnte z. B. den Katalog der Präventionsmaßnahmen evaluieren, weitere Maßnahmen vorschlagen oder eventuell einen Maßnahmekatalog für den »Ernstfall« aufstellen.

Abschließend möchte ich Folgendes festhalten: Grundvoraussetzung für gewaltfreies Lernen ist meiner Meinung nach vor allem eine gute Kommunikation zwischen Eltern, Lehrkräften und Schülerinnen und Schülern. Funktioniert diese, lassen sich viele Konflikte aus der Welt schaffen, bevor sie sich zu handfesten Problemen entwickeln.